Meine Windelwelt

Unsere ersten Stoffwindelschritte

Nach der Geburt meiner Tochter wurde mir schon im Krankenhaus einiges über die Pflege eines Babys klar: Jeder hat seine eigenen Theorien, wie diese Pflege auszusehen hat. Viele, sich zum Teil widersprechende Theorien prasseln auf Schwangere bzw. junge Mütter ein, sodass man eine Weile braucht, um seinen eigenen Weg zu finden und diesen auch konsequent zu gehen. Mir war nicht bewusst, wie weit dieses Feld sein kann. Die Entscheidung über die Wickelmethode für das eigene Baby ist dabei scheinbar nur ein kleiner Bereich der Babypflege. Wenn man sich allerdings bewusst macht, wie oft man am Tag wickeln muss und über welchen Zeitraum sich die Wickelzeit erstreckt, gehen mit dieser scheinbar „kleinen“ Entscheidung sehr viele Konsequenzen einher. (Dass Wegwerfwindeln zu unheimlich großen Müllbergen beitragen, muss ich sicher nicht erwähnen.)

Die ersten Einflüsse, die zu meiner Entscheidung beigetragen haben, erreichten mich schon sehr früh. Mein Bruder und ich selbst wurden mit Stoffwindeln gewickelt. Da er 6 Jahre jünger ist, habe ich sein Ankommen und Aufwachsen schon sehr bewusst miterleben können. Damals habe ich keinen reflektierenden Gedanken daran verschwendet, warum er nun ausgerechnet Stoffwindeln am Popo hatte – einerseits mangels Kenntnissen über Alternativen und andererseits weil Mama sowieso alles richtig machte. Aber das Anfassen der verschiedenen Stoffe/ Materialien, deren Geruch sowie das Wickelhandling (durch das häufige Zusehen) machten mir das ganze Thema schon frühzeitig vertraut. 

Als dann – sehr viel später – die ersten meiner Freundinnen Kinder bekamen, gab es darunter eine Freundin, die mit Stoffwindeln wickelte. Da zu diesem Zeitpunkt ein Baby für mich noch in weiter Ferne lag, empfand ich ihr Wickeln und ihre Windeln als ganz moderne Innovationen, die nichts mehr mit den Wickelmethoden meiner Mama zu tun hatten. Ich habe mich nicht bis ins Detail dafür interessiert, sah aber, wie bunt die Windeln waren und dass sie den Wegwerfwindeln sehr ähnlich geworden sind. Im Nachhinein weiß ich, dass sie AiO-Windeln benutzte.

Der erste Moment, an dem ich mich gezielt mit dem Thema befasst habe, war natürlich erst in meiner Schwangerschaft. Hier spielten der Einfluss meiner Mutter, die Erfahrungen meiner Freundin und die Tatsache, dass ich mich als Geographielehrerin schon aus beruflicher Perspektive mit einem nachhaltigen Lebensstil auseinandersetze, eine große Rolle für die Entscheidung über das Wickelsystem unseres Babys. Ich fing also an, das Internet nach den modernen Innovationen des Stoffwindelwickelns zu durchforsten. Und genau hier wurde ich in meiner schier unendlichen Motivation das erste Mal ausgebremst. Das ‚Problem‘ war zu diesem Zeitpunkt das Vokabular der Stoffwindelcommunity. Ich verstehe total, dass diese eigene Sprache ein Gemeinschaftsgefühl erzeugt und dass es Spaß macht, sich auszukennen und sich fachkundig auszudrücken. Aber ganz ehrlich: Es war mir, als müsste ich jedes zweite Wort nachschlagen – und zwar nicht in meinem vertrauten Duden, sondern bei YouTube, Instagram, diversen Blogs und sämtlichen dazugehörigen Kommentaren. Ich fragte auch meine fachlich kundige Freundin, aber ihre Antworten musste ich genauso auseinanderpflücken. Das Thema Stoffwindeln hatte für mich seine Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, die ich in meiner Kindheit erfahren habe, verloren. Ich konnte nicht verstehen, wie aus einem Stück Mulltuch und einer – zugegebenermaßen recht wenig atmungsaktiven – Plastiküberhose so eine Wissenschaft werden konnte. Diese Erkenntnis sowie Kollegen und Freunde, die mich für mein Vorhaben für verrückt erklären wollten (Ich solle doch erstmal abwarten, wie unfassbar viel Anstrengung ein Kind mit sich bringe!), brachten mich dazu, alles weitere für das Baby vorzubereiten und das Thema Stoffwindeln auf die Zeit nach der Geburt zu verschieben. So weit war ich im Entscheidungsprozess nämlich schon: Newborn-Windeln kamen für mich nicht in Frage. Die Anschaffung lohnte sich in meinen Augen für die ersten Wochen nicht (Preis/Nutzungsdauer). Also konnte ich weiterführende Entscheidungen getrost aufschieben. 

Die Umstellung von 0 auf 1 Kind brachte in den ersten Lebenswochen auch tatsächlich genug andere Sorgen mit sich, sodass Wegwerfwindeln uns das Leben zumindest ein wenig leichter machten. Und zu guter Letzt bekamen wir einen kleinen Brummer, der sowieso schon frühzeitig in mitwachsende Systeme passte. 😉 Da ich also auch darauf achte, dass die ganze Stoffwickelgeschichte finanziell rentabel bleibt, würde ich auch beim zweiten Kind erst nach wenigen Wochen mit den etwas größeren Stoffwindeln anfangen. 

Wie kam ich nun final doch noch zu meinen Stoffies? 
Ich traute mich beim stundenlangen Stillen wieder an das Vokabular der Community, fand es aber immernoch völlig abschreckend. Meine Rettung war eine Bekannte, die sehr motiviert war, mir ihre Erfahrung mit Stoffwindeln sowie mehrere Systeme mit Objekten zum Anfassen vorzustellen. Ab diesem Treffen bekam jeder zuvor gelesene und noch so abstrakte Begriff einen Gegenspieler in der Realität. Aus ihrer großen Auswahl traf ich eine Entscheidung für unsere Erstausstattung: 20 Mullwindeln (unterschiedliche Falttechniken entnahm ich wiederum YouTube) und 5 Blueberry Capris in der Größe 2 (wachsen bis zum Ende der Wickelzeit dank verstellbaren Druckknöpfen mit) als Überhosen für den Tag. Für die Nacht entschied ich mich für 6 Totsbots Bamboozle Höschenwindeln (+ gleiche Überhosen wie am Tag). Außerdem kaufte ich Fleece-Einlagen von Little Lamb für Tag und Nacht. Dieses System funktionierte vom ersten Wickelversuch an ganz wunderbar! Insbesondere die Höschenwindeln von Totsbots sind wirklich sehr saugstark (bis zu 14h waren bisher kein Problem). Letztendlich ist dieses System der Wickelmethode meiner Mutter tatsächlich sehr ähnlich. Ich freue mich seit dem Stoffwickelstart auf jedes Wickeln. Wir arbeiten mit wunderbaren Materialien ohne Chemikalien. Jedes Wickeln bedeutet für mich, eine Wegwerfwindel weniger auf dem globalen Windelmüllberg deponiert zu haben. Und zu guter Letzt sehen diese Windeln wunderschön aus!

Inwiefern musste ich die Erstausstattung anpassen?

Am System habe ich nicht gezweifelt. Für mich persönlich ist es das flexibelste und rentabelste System (finanziell als auch von der Anzahl der benötigten Materialien her). Einzig die Anzahl der bestellten Überhosen und Nachtwindeln musste überdacht werden. Durch häufigeren Stuhlgang wurden neue Überhosen fällig, da bei einem Waschzyklus von 3 Tagen (+ 1 Tag trocknen) kaum mehr eine Überhose sauber war. Auch Nachtwindeln kaufte ich dazu. Hier liegt das Problem in der hohen Trocknungszeit der Windel. Die Totsbots Bamboozle weist auch nach mehreren Tagen noch eine Restnässe auf (was ja auch für ihre hohe Saugkraft spricht).

Welches Zubehör darf bei uns nicht fehlen?

Mit dem Abschied von der Wegwerfwindel kam auch der Abschied von den allseits (Mutter, Schwiegermutter, Hebamme, Freundinnen…) verachteten Feuchttüchern. Hier nutzen wir nun 30 Waschläppchen von ImseVimse, die mit einer Emulsion aus Wasser, Kokosöl und Traubenkernöl getränkt sind. Wir haben bis heute keinen wunden Po feststellen müssen. 

Benutzte Stoffwindeln und Feuchttücher sammeln wir in mehreren Wetbags, die wir alle 3 Tage mitwaschen. Auch parfumfreies Waschmittel steht jetzt auf dem Plan (Denkmit sensitiv).

Welche Erfahrungen haben wir im Alltag gemacht?

Stoffwindeln haben unseren Alltag nur geringfügig verändert. Das Baby selbst war definitiv eine deutlich größere Veränderung für unseren Alltag. 😉 Also alles machbar: Unsere Waschroutine ist jetzt mit 2 zusätzlichen Waschmaschinenladungen in der Woche bereichert. Ich empfinde das nicht als negativ, da ich mich so gern mit diesen Stoffen auseinandersetze und vor allem sowieso ständig Wickelunterlagen/ Spucktücher/ Waschlappen/ Babyhandtücher zu waschen habe. So ist die Maschinenladung wenigstens voll bzw. komme ich schneller wieder an saubere Wäsche. Außerdem dauert das Aufhängen und Falten keine Ewigkeit, wenn man ehrlich ist. Wir müssen schließlich nicht mehr mit dem Waschbrett am Fluss stehen, geschweige denn der Waschmaschine beim Waschen zusehen. 

Wann immer ich kann, bereite ich Windeln für das schnelle Anlegen vor (Überhosen mit Mullwindel und Fleece-Einlage füllen). So ist das Handling für meinen Partner und mich beim Wickeln mit wenigen Handgriffen erledigt. Auf diese Weise können wir auch schnell vorbereitete Windeln für unterwegs einpacken. Ein paar getränkte Waschlappen sowie ein Wetbag müssen dann noch mit und schon ist man ausgerüstet. Auch hier besteht für uns kein Grund mehr, Wegwerfwindeln oder Feuchttücher zu benutzen.

Mit dem Umstieg auf Stoffwindeln sind wir direkt auf die nächstgrößere Kleidergröße umgestiegen (von 62 auf 68). Man muss wirklich beachten, dass der Windelpo deutlich größer ist und sich auch einige Hosen der richtigen Kleidergröße einfach nicht eignen. Sie sollten nicht zu steif sein und locker über den Po anzuziehen gehen. Für etwas zu kurze Bodies haben wir Verlängerungen gekauft, damit sie obenrum trotzdem noch gut passen.

Gedanken für die Zukunft

Unser mitwachsendes System wird uns noch eine ganze Weile begleiten, worüber ich sehr dankbar bin. Überlegungen für einen zukünftigen, differenzierteren Umgang mit Stoffwindeln treffe ich trotzdem schon. Unsere Nachtvariante würde ich sehr gern noch durch einen Wollschlupf erweitern und die PUL-Überhose weglassen. Hier kommen nochmals Handgriffe hinzu, die die Pflege der Wollüberhose verlangt. Auch der Umgang mit Stoffwindeln in unseren auserwählten, potenziellen KiTas ist mir wichtig. Es kann sein, dass ich für diese Zeit ein Handling-effizienteres System auswählen muss und doch noch AiO-Windeln dazukaufe. Im Hinblick auf die Ausgaben, die dann nochmals auf uns zukämen, ziehen wir auch gebrauchte Stoffwindeln in Betracht. Der Markt dafür ist gar nicht so klein. 

Der wichtigste Zukunftsgedanke betrifft allerdings unsere zukünftigen Kinder, die mit diesen vorhandenen Windeln gewickelt werden. Dann müssen wir im besten Fall nur Verschleißteile ersetzen und erfreuen uns weiter daran, riesige Mengen an Material, Produktionsaufwand und Müll einzusparen. 

Fazit

Die Entscheidung FÜR Stoffwindeln in einer Zeit, in der sowieso viele neue Routinen in den eigenen Alltag integriert werden müssen, ist abschreckend. So sah zumindest meine Erfahrung aus. Ich kann aber auch aus eigener Erfahrung berichten:

  • dass das Vokabular einfacher zu verstehen ist, als es auf den ersten Blick scheint.
  • dass sich die zahlreichen Systeme im Grunde doch sehr ähnlich sind und nur zur eigenen Situation passend ausgewählt werden müssen (je nach Baby, Handlingvorlieben, Waschroutine, Finanzen usw.).
  • dass die Wickelroutine nicht anstrengender wird, sondern zu einem Erlebnis.
  • dass sich die Ausgaben für die Erstausstattung im Hinblick auf die lange Wickelzeit lohnen. (Gut erhaltene Windeln können wieder verkauft werden!)
  • dass das gute Gewissen ein täglicher Begleiter wird. ☺

Stoffwickeln soll kein Zwang sein – eher eine Art des Wickelns, die nicht von vornherein an ihrem Arbeitsaufwand, ihrer vermeintlich mangelnden Hygiene, ihrem Preis oder anderen Vorurteilen gemessen wird. Die Entscheidung sollte frei getroffen werden können. Meine Hoffnung ist, dass das Thema wieder leichter und selbstverständlicher in der Gesellschaft besteht und für alle werdenden Mütter greifbarer wird – so leicht und selbstverständlich, wie es für mich als Kind war, als mein Bruder in nichts anderes als Stoff gehüllt wurde. 

Erfahrungsbericht von Elisa Bild ©Emilino

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Author: S. K.

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